Hier findet ihr einige Texte und Broschüren zum 10.Oktober und rund um den deutschnationalen Konsens in Kärnten.

broschüre
„Kärnten bleibt Deutsch. Zur Tradition und Gegenwart der Feiern zum 10. Oktober“ – Broschüre des Klubs slowenischer StudentInnen in Wien. Die Broschüre setzt sich kritisch mit den 10. Oktoberfeiern und der dahinterstehenden Ideologie und Mythenbildung auseinander und beleuchtet deren geschichtliche Entwicklung bis in die 80er Jahre.
Hier zum downloaden als pdf. -> http://www.megaupload.com/?d=HTXKME8K

Kurswechsel in Koroška? – Oder wie eigentlich alles immer schon anders gewesen sein soll. (U-berg Broschüre 2008) Der Text kritisiert die aktuelle Konsenspolitik des KHD.
http://www.u-berg.at/texte/kurswechsel.htm

Der Kärntner Konsens – vom Erinnern und Gedenken in Kärnten/Koroška. (U-berg Broschüre 2008) Der Text versucht zu erklären, wie der Deutschnationalismus in Kärnten zu einer identiätsstiftenden, von dem Großteil der Bevölkerung konsensual abgesegneten, Ideologie wurde.
http://www.u-berg.at/texte/kaerntner_konsens.htm

Kärntner SlowenInnen / Koroški/e Slovenci/ke – zur verdrängten slowenischen Geschichte Kärntens/Koroškas: Assimilierung, Deportation, PartisanInnen & die 2. Republik (U-berg Broschüre 2005)
http://www.u-berg.at/texte/kaerntner_sloweninnen.htm

Die Verbrechen der anderen… (U-berg Broschüre 2008) Über die „Verbrechen der Titopartisanen“ und dem dahintersteckenden Wunsch der Schuld- und Erinnerungsabwehr für das post-nazistische Nachkriegskollektiv in Kärnten.
http://www.u-berg.at/texte/andere_verbrechen.htm


Texte aus der Haiderbroschüre:

(Broschüre als pdf. zum Downloaden: http://www.megaupload.com/?d=4T1KROVN )

Eine Broschüre der Autonomen Antifa Koroška
[…mit freundlicher Unterstützung der Kärntner Landesregierung…]
Anlässlich des ersten Todestages des verstorbenen Alkohollenkers im besondern hohen Amte wollen wir der trauernden Kärntner Bevölkerung mit nicht ganz ernst gemeintem Beileid, den Text des AK gegen den Kärntner Konsens aus der Broschüre gegen das Ulrichsbergtreffen 2009 nicht vorenthalten und haben uns dazu entschlossen, ihn hier noch mal abzudrucken. Zudem präsentieren wir unseren Text zum 10. Oktober, um die an diesem besonderen Datum um sich greifende deutschnationale Wohlfühl- Taumelstimmung, mal ordentlich ins Wanken zu bringen. Dankeschön im Voraus, nichts ist uns lieber. Zusätzlich ist es unser Wunsch, einen großen Haufen Darmentleerungsmaterial auf Pleamle, Dirndl, Kärntneranzug und Co. zu legen, oder wie es einmal in Klagenfurt/Celovec auf Wänden gesichtet worden ist : „‘sch kack `f Kärnten“ (Ich stuhle auf Kärnten), um es ganz deutlich, für jedeN verständlich und ausnahmslos kristallklar zu formulieren. Ja da bricht dem Deutschkärntner das Herz, uns kommt das aber ganz recht. Denn wie heißt es so schön: “Heimat im Herzen, Scheiße im Hirn“. Kärnten über alles heißt es bei uns dann wohl doch nicht. Dafür eher: Gegen Volk, Nation und Kapital! Da der zu erwartende Gefühlszustand ihrerseits auf der Ebene der Neugier auf die folgenden Seiten basiert, werden wir unsererseits dem geschriebenen Wort/Vorwort ein Ende bereiten.
Smrt fašizmu! Živeli partizani!

Begrabt Haider und vor allem seine Ideologie!
Oder: Sag mir, wen du ehrst und ich sag dir, wer du bist…

Als Jörg Haider im Oktober 2008 mit 1,8 Promille und 142 km/h ge-
gen eine Betonsäule raste, hätte mensch in Anlehnung an den Tod von Liese Prokop sagen können: Der Tag beginnt mit einer guten Nachricht. Doch das Ergebnis dieser Raserei war die volksgemeinschaftliche Ehrung eines verunglückten Rechtsextremisten. Neofaschistische Ideologie galt als Lebensleistung, vor der sogar angebliche KritikerInnen auf einmal ihre Hüte zogen. Der kollektive Betroffenheitswahn präsentierte rassistische und antisemitische Politik als nationale Pflichterfüllung. Wieder einmal. Und noch immer.

Amoklauf für eine rechtsextreme Leiche

Die Massenhysterie, die in Kärnten/Ko-
roška nach dem Tod Haiders ausbrach, braucht den Vergleich mit den Inszenierungen führergläubiger Sekten nicht zu scheuen. Tagelang flimmerten Bilder von Altären und Kerzenmeeren auf den Straßen über den Bildschirm, Menschen brachen öffentlich in Tränen aus, knieten vor Wahlplakaten nieder und machten in ihrem Trauerrausch nicht einmal vor Kindern halt, die ebenfalls Blumensträuße und Dankeschöns in die Kameras halten mussten. In den Kondolenzbüchern, vor denen sich Schlangen bildeten, fanden sich Huldigungen, wie sie Teenager, die um ihre Popstars trauern, nicht peinlicher hätten formulieren können: „Vater“, „Du bleibst uns immer im Herzen“, „Danke, Jörg“ oder „Du warst der Beste auf der ganzen Welt!“.

Die Kärntner Führungsschicht – und nicht nur das BZÖ – stand dem Fußvolk in seinem Führerkult und der grenzenlosen Bereitschaft zur Lächerlichkeit um Nichts nach: Vom jetzigen Landeshauptmann Gerhard Dörfler war zu vernehmen: „In Kärnten ist die Sonne vom Himmel gefallen und die Uhren sind stehen geblieben heute Nacht“. Der damalige Bürgermeister von Klagenfurt, Harald Scheucher (ÖVP), suchte Zuflucht in der Re-
ligion und ließ sich beim Begräbnis dazu hinreißen, mit dem Zitat „Seht, welch ein Mensch!“, Haider auf eine Stufe mit Jesus zu stellen. Haiders Stellvertreter im BZÖ, Stefan Petzner, schaffte gerade noch die Worte: „Für uns ist das wie ein Weltuntergang“, bevor er außer Heulkrämpfen gar nichts mehr herausbrachte. Uwe Scheuch, nunmehr Landesparteiobmann des BZÖ, sah offenbar in Haiders letalem Vollrausch den Kärntner Heldentod für Volk und Vaterland – für den Führer war‘s wohl nicht mehr – und phantasierte: „Wir müssen sein Lebenswerk weiterführen, für das sein Leben geopfert wurde.“ Dörfler schlug ähnliche Töne an: „Du wirst immer da sein, deine Spuren sind ewig.“

Die andere Seite der Trauershow war die repressive Gewalt: Das Versprechen, Haiders politischen Kurs weiterzuführen, ist eine gefährliche Drohung, die sich gegen die slowenischsprachige Minderheit, AsylwerberInnen und politisch Oppositionelle richtete, gegen alle, die nicht Haiders Tod, sondern sein Leben betroffen gemacht hat.

Haiders AnhängerInnen boten ein Spiegelbild ihrer Ikone: eines autoritären Scheinrebellen, der seine rassistische Deportationspolitik mit Schecks für kärntner Mütter kaschierte, und der gegen irgendwelche „da oben“ wetterte, um selbst Macht von „da oben“ aus absolut auszuüben. Seine Fans benahmen sich wie Kinder, die verlernt hatten eine eigenständige Zukunftsperspektive zu denken und die ihrem Vater nachjammerten, aber zugleich die rechtswidrige Internierung von AsylwerberInnen als das Beste für ihr Land bejubelten. Die Tränen für die Kameras waren kompatibel mit Morddrohungen gegen KritikerInnen dieses Betroffenheitstheaters, wie sie gegen die Kabarettisten Stermann und Grissemann gerichtet wurden.

Der Vergleich mit Schafen, die dank einer Betonsäule und 142 km/h auf einmal ohne ihren Hirten dastehen, beschreibt nur das Herdenverhalten richtig. Aber Haiders Trauergemeinde hat nichts mit der Harmlosigkeit zu tun, die diesem Bild innewohnt. Jahrzehntelang war sie einen politischen Weg gegangen, der die Macht der Mehrheitsgesellschaft gegen Minderheiten unter offenem Bruch von Verfassung und Rechtsstaatlichkeit durchsetzte. Selbst die minimalen Schranken, mit denen die rassistische Normalität des Nationalstaats da und dort begrenzt wird, war zuviel für ein Politikverständnis, das Exekutive, Legislative und Judikatur im „gesunden Volksempfinden“ vereinte.

Fatales Experiment: Neofaschismus im Kärntner Anzug

Haiders Politik in Kärnten/Koroška stellte das Experiment einer rechtspopulistischen Realpolitik mit einem ideologischen Hintergrund dar, der eindeutig dem Rechtsextremismus zuzuordnen ist. Mit Almosenaktionen und Pfründenwirtschaft erwarb er sich den Ruf eines sozialen Wohltäters und sorgte gleichzeitig dafür, dass nur jene Projekte existieren konnten, die in sein enges inhaltliches Korsett passten. Mit Händeschütteln und Gutscheinen präsentierte er sich als der gütige Landesvater, der politisches Wohlverhalten entsprechend honorierte, solange ihm gegenüber nur Hilfe erbeten und nicht Rechte eingefordert wurden.

Das Absurde war, dass ihm dieses Spektakel als Engagement für „seine“ KärntnerInnen angerechnet wurde, während er zugleich ökonomisch ein Desaster anrichtete: Bei der Arbeitslosigkeit liegt Kärnten/Koroška österreichweit im Spitzenfeld, bei der Kaufkraft ist es Schlusslicht, und es gilt mit 2,2 Milliarden Euro Schulden als das am höchsten verschuldete Bundesland.

Politische Opposition fand unter Haider entweder gar keinen Ausdruck oder nur mehr einen marginalisierten, geduldet in Nischen, zu denen die breite Öffentlichkeit keinen Zugang hatte, und die mit Repression bekämpft wurden. Haider schaffte eine Premiere, indem er als Landeshauptmann den demokratischen Grundrechten eine offene Absage erteilte: „In Kärnten traut sich kein Linker mehr zu demonstrieren“, prahlte er. Die Kärntner Exekutive hatte die Botschaft sichtlich begriffen, als sie im September 2008 darauf verzichtete, jenen Neonazischlägertrupp zu verfolgen, der einige TeilnehmerInnen einer antifaschistische Kundgebung gegen das Ulrichsbergtreffen brutal niederprügelte.

Haiders autokratisches und paternalistisches Amtsverständnis erreichte im Brechen von Verfassung und Bundesgesetzen seinen Höhepunkt, wobei er der slowenischen Minderheit ihre Rechte verweigerte und AsylwerberInnen abschob: Er weigerte sich, die höchstgerichtlichen Erkenntnisse über die Aufstellung zweisprachiger Ortstafeln umzusetzen und enthielt damit den Kärntner SlowenInnen ihre verfassungsmäßigen Rechte vor. Im Sommer 2008 isolierte er AsylwerberInnen, unter dem falschen Vorwand, sie seien kriminell, auf der Saualpe in einer „Sonderanstalt“. Andere Flüchtlinge setzte er in Busse und ließ sie über die Landesgrenzen bringen, wo sie teilweise auf Weisung des Innenministeriums wieder angehalten und zurückgeschickt wurden. Die Werbeanzeige des BZÖ dafür lautete: „Kärnten wird tschetschenenfrei.“

Es war typisch für Haiders Politik, dass er diese brutale Machtausübung gegen die Schwächsten, die Marginalisierten – diese Akte menschenverachtender Feigheit, als Rebellion gegen „oben“ inszenierte. Nach seinem Tod lobten Zeitungen in ganz Österreich Haiders angebliches „soziales Bewusstsein“, z.B. die Kleine Zeitung: „Einsatz, Tatkraft, Wagemut und soziales Bewusstsein Haiders waren bewundernswert.“ (12.10.2008). Doch in Wirklichkeit ist es das Bild verängstigter Flüchtlinge, die mitten in der Nacht in Bussen deportiert werden, willkürlich, ohne Ziel und Grund zu kennen, dieses Bild und nichts Anderes, das die soziale Kompetenz von „Hitlers geistigem Enkel“ wiederspiegelt (Yediot Ahronot, israelische Zeitung). Haider bot sich der Kärntner Mehrheitsbevölkerung als Identifikationsfigur an, die selbst die Gesetze verkörpert und sich von niemandem, weder vom Staatsvertrag noch von Geboten der Humanität, diktieren lässt, wie der „deutsche Kärntner“ mit seinen „Feinden“ umzugehen hat. Eine Identifikationsfigur, die den kollektiven Freispruch für die Verbrechen des NS-Regimes formuliert und die Entsorgung der Schuld vorantreibt. Als „deutschsprachiger Überkärntner“ (Klaus Ottomeyer), vermittelt sie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, um den Preis der hemmungslosen Ausgrenzung aller, die nicht in dieses deutschnationale Weltbild passen können und wollen – Slowenischsprachige, MigrantInnen und Flüchtlinge, AntifaschistInnen und Linke.

Dafür wurde Haider dreimal zum Landeshauptmann gewählt, genau genommen viermal, im Februar 2009 nämlich posthum: Nachdem das BZÖ als Liste „Jörg Haider“ zur Wahl angetreten war, feierte es einen fulminanten Wahlsieg. Es bleibt wohl ein ebenso erbärmliches wie einmaliges Phänomen in der Geschichte des europäischen Rechtsextremismus, dass 45 % der Wahlberechtigten eines Bundeslandes für eine rechtsextreme Leiche stimmten.

Die Volksgemeinschaft und ihr „einfaches Mitglied“

Doch nicht nur der „echte Kärntner“, sondern auch der „echte Österreicher“ verfiel angesichts von Haiders tödlicher Raserei in einen Zustand, in dem das Wort „Pietät“ jede Spur von klarem Verstand und Kritikfähigkeit ausschaltete. Die gesamte politische Klasse lag quer durch alle Parteien einem Rechtsextremisten zu Füßen und rang sich Worte über „Respekt“, der zu zollen wäre, und anerkennenswerte „Lebensleistungen“, „Begabungen“ und „Talente“ ab. Zu seinem Begräbnis fanden sich Bundespräsident, Bundeskanzler, sämtliche Landeshauptleute, Bischöfe und 30 000 Trauernde ein, und verlasen Nachrufe, die sich von Lobreden in den Neonazi-Foren nur wenig unterschieden.
Nicht nur die üblichen rechtsextremen Hetzblätter, sondern auch bürgerliche Zeitungen wie die Kleine Zeitung vergossen Krokodils- oder – noch schlimmer – wahrscheinlich ernst gemeinte Tränen: „Zuletzt beobachtete ich Jörg Haider wenige Tage vor der Nationalratswahl. Die Reihen der Zuhörer auf dem Grazer Karmeliterplatz waren schütter, doch man ahnte, dass weit mehr in Bewegung war. Jetzt ist er endgültig weg. Ein schrecklicher Unfall hat ihn dahingerafft. Was hätte er noch alles werden können? Er blieb ein Unvollendeter.“ (Kleine Zeitung 12.10.2008)

Die Republik Österreich wurde durch Alfred Gusenbauer vertreten, der erklärte, über alle politischen Grenzen hinweg müsse man Haider Respekt und Anerkennung zollen. Er sei immer vom Willen getragen gewesen das Beste für seine Heimat zu tun. So schmeichelte ein SPÖ-Bundeskanzler einem toten Rechtsextremisten, Rassisten und Antisemiten, dem „Ziehvater des rechtsextremen Terrors“.(1)

Haiders gesamte politische Karriere bestand darin, aus der FPÖ, die bis 1986 neben dem Deutschnationalismus und der NS-Nostalgie immer auch – allerdings als Minderheitenprogramm angelegt – einen politischen Liberalismus beherbergt hatte, eine geschlossen rechtsextreme Partei zu machen. Er war nicht nur der Rechtspopulist oder Sympathieträger für ProtestwählerInnen, wozu ihn Medienberichte und tagespolitischen Analysen verharmlosten. Er war ein ideologisch überzeugter Rechtsextremist, der im deutschnationalen Burschenschaftsmilieu sozialisiert worden war und, der als dessen Vertreter, die FPÖ übernahm.

Nicht nur bei seinen Reden am Ulrichsberg, glorifizierte er die Mitwirkung am nationalsozialistischen Vernichtungskrieg als „Pflichterfüllung“, ja „Befreiungskampf“. Die Rede, mit der er symbolisch die Mitglieder der Waffen-SS umarmte, steht beispielhaft für Haiders Geschichtsverständnis: „[…] dass es in dieser Welt einfach noch anständige Menschen gibt, die einen Charakter haben und die auch bei größtem Gegenwind zu ihrer Überzeugung stehen und ihrer Überzeugung bis heute treu geblieben sind. Und das ist eine Basis, meine lieben Freunde, die auch an uns Junge weitergegeben wird, von der wir letztlich auch leben.” (Krumpendorf 1995)

Systematisch betrieb er mit antisemitischen Angriffen Politik und setzte rassistische Hetze durchgehend als Mobilisierungsinstrument ein: Haider beschimpfte MigrantInnen als „Landplage“ (2002), bezeichnete Asylsuchende als „Lumpen von Dealern und Gewalttätern“ (2008), forderte von der europäischen Menschenrechtskonvention abzugehen (1995) und zog mit dem NS-Begriff der „Überfremdung“ 1999 in einen Wahlkampf, der seine Partei mit einem Stimmenanteil von 27% direkt in eine Regierungskoalition mit der ÖVP katapultierte. Dass diese Regierungsbeteiligung letztlich dazu führte, dass es zur Spaltung des rechtsextremen Lagers in FPÖ und BZÖ kam, hatte nichts mit einer ideologischen Mäßigung Haiders zu tun, sondern mit persönlichen Rivalitäten und einer taktischen Modernisierung, zu der die offenen Neonazis um Strache weder willens noch fähig waren.

Haiders einziger „Verdienst“ war – neben realpolitischen Fettnäpfchen, außenpolitischen Peinlichkeiten und ökonomischen Fehlgriffen – die Integration rechtsextremer Ideologeme in den gesellschaftlichen Konsens, und die Etablierung eines rassistischen Klimas, in dem der Ruf nach den Menschenrechten als Sicherheitsrisiko stigmatisiert wird.

Haiders Tod: Aus der guten Nachricht eine bessere machen…

Dennoch wäre es schon Teil eines Mythos zu behaupten, Haider habe die Zuwächse für rechtsextreme Parteien oder den gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck aufgrund irgendwelcher „außergewöhnlicher Talente“ (Martin Bartenstein) oder „Befähigungen“ (Alexander van der Bellen) oder seiner Gewohnheit, verschiedene Garderoben im Auto mitzuführen, geschafft. Haider war genau so bedeutend oder einflussreich, wie es ihm die Verfasstheit der österreichischen Gesellschaft ermöglichte. Seine Hetzparolen wären, auch wenn sie rhetorisch einwandfrei formuliert waren, wirkungslos geblieben, hätten sie nicht aufnahmebereite ZuhörerInnen gefunden. Seine gespielte Authentizität beim Händeschütteln hätte ihm keine Pluspunkte gebracht, hätten sich Menschen geweigert, einem Rechtsextremisten überhaupt die Hand zu geben. Seine populistischen Phrasen an den „Runden Tischen“ hätten niemanden erreicht, wenn er nicht im Namen von Toleranz und Demokratie eingeladen worden wäre. Seine ganze Inszenierung für den komplexbeladenen „kleinen Mann“ wäre einfach nur lächerlich gewesen, wenn sich die Gesellschaftsmitglieder tatsächlich nach Befreiung sehnen würden und nicht nach dem Stiefel, der die noch Schwächeren tritt.

Das unerträgliche und hysterische Theater nach Haiders Tod bietet daher letztlich die Möglichkeit zu einer Analyse des österreichischen Ist-Zustandes, die eindrucksvoll das Maß an Normalität belegt, das neofaschistischer Politik bereits anhaftet, und die bedingungslose Autoritätshörigkeit, mit der dieses Projekt eingefordert wird. Mit der gleichen Erbär-
mlichkeit, mit der die Wölfe im Schafspelz sich aufführten, als ob sie ihren Übervater verloren hätten. Mit der gleichen Entschlossenheit werden sie ihrem neuen Führer hinterherlaufen – sollte nicht Strache eines Abends ebenfalls zu tief ins 
Glas schauen und zu fest aufs Gaspedal drücken.

Haiders Politik hat die österreichische Gesellschaft rassistischer und gnadenloser zurückgelassen, als er sie vorgefunden hat. Zu bedauern gibt es höchstens, dass sein Tod um mindestens 22 Jahre, in denen er jede Menge gesellschaftspolitischen Schaden anrichtete, zu spät kam. Dass er dazu jetzt nicht mehr in der Lage ist, darüber freuen wir uns. Es ist keine klammheimliche Freude, es ist eine ganz offene und laute. Denn der private Mensch Haider ist uns egal, wir sprechen vom politischen Menschen Haider.

10.oktober – Friede, Freude, deutscher Eintopf

Einmal im Jahr wehen in ganz Koroška die Kärntner Fahnen. Am 10. Oktober, dem Landesfeiertag, an dem an die Volksabstimmung von 1920 und den vorausgegangenen Kärntner Abwehrkampf gedacht werden soll, finden im ganzen Landle deutschnationale Gedenkfeiern statt, meist ausgerichtet und organisiert vom Kärntner Abwehrkämpferbund (KAB). Der Kärntner Abwehrkämpferbund steht in totaler Frontstellung zur slowenischen Minderheit und wird im Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus als rechtsextreme Vorfeldorganisation bezeichnet. Bei den alljährlichen Feierlichkeiten im ganzen Kärntner Lande geht es um die Wachhaltung anti-slawischer Ressentiments, um die Konstruktion einer imaginierten homogenen Volksgemeinschaft, welche alles ausschließt, was nicht in die deutschkärntner Norm passt und um das Aufstellen eines Bedrohungsszenarios durch slowenischsprachige Menschen – etwa durch zweisprachige Ortstafeln, durch die angeblich die „Slowenisierung“ des Landes voranschreiten würde. Der KAB und seine nicht minder deutschnationale Schwesterorganisation, der KHD spielen hinter der Fassade landestypischer Brauchtumspflege eine wichtige Rolle in der deutschnational konnotierten Kärntner Politik.

Keantn is lei ans…
In Kärnten/Koroška entstand die deutsche „Volksgemeinschaft“ mit Ende des ersten Weltkrieges und dem Zerfall der österreichisch- ungarischen Monarchie. Es entstanden neue kapitalistische Funktionsräume(Volkswirtschaften) mit ihren dazugehörigen Staatsapparaten, welche wie bei jedem Nationsbildungsprozess, mit Gewalt und Ausgrenzung verbunden war. So kam es auch in Kärnten/Koroška zu Grenzstreitigkeiten, die in der deutsch-kärntner Ideologie als „Abwehrkampf“ gegen den „slawischen Aggressor“ mystifiziert wurde. Welcher Konflikt hier völkisch aufgeladen wurde, zeigt sich wie folgt: Nach dem Zerfall der Monarchie als Vergesellschaftungszusammenhang, sah sich Kärnten/Koroška eingebettet in den österreichischen Nationalstaat, eines größeren „slawischen Kapitals“ als Konkurrenten gegenübergestellt. Man suchte „Anschluss“ im wahrsten Sinne des Wortes, am großen „deutschen Kapital“. Die slowenische Minderheit in Kärnten/Koroška wurde als Speerspitze der „slawischen“ Konkurrenz identifiziert und musste eliminiert werden. In der Zwischenkriegszeit wurde versucht, diese Bevölkerungsteile zu germanisieren, um sie nicht mehr als Konkurrenten, sondern als Mitstreiter für die gemeinsame deutsche Sache zu machen. Nicht nur kulturell, also sprachlich, sondern vor allem wirtschaftlich wurde versucht, diese Menschen zu assimilieren. Bei der Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 votierte ein Großteil der Kärntner Slowen_innen für Kärnten, einerseits weil die Propaganda ihnen die Wahrung und Entfaltung ihrer Rechte und Kultur versprach und andererseits sprach sie die Republik Österreich als demokratische Staatsform mehr an als das jugoslawische Königreich. Hinzu kam noch der ökonomische Faktor, dass der Weg ins Marktzentrum Ljubljana um einiges schwieriger zu bezwingen war und ist (Loiblpass ect.) als nach Klagenfurt/Celovec. Doch gleich nach der Volksabstimmung setzte die deutschnationale Regierung in Kärnten eine Welle von Repression und Vertreibung gegen die slowenischsprachige Bevölkerung in Bewegung. Schon im November 1920 hatte der Landesverweser Arthur Lemisch in einer Landessitzung erklärt : „Nur ein Menschenalter haben wir Zeit, diese Verführten zum Kärntnertum zurückzuführen […]. Mit deutscher Kultur und Kärntner Gemütlichkeit wollen wir, wenn Schule und Kirche das ihre tun, in einem Menschenalter die uns vorgesteckte Arbeit geleistet haben“. Die slowenischsprachige „Intelligenz“ (Lehrer_innen, Beamte und Geistliche), sowie missliebige politische Aktivist_innen wurden des Landes verwiesen und die während der Monarchie aufgestellten zweisprachigen Ortstafeln wurden entfernt. Die slowenische Sprache wurde aus den Schulen hinausgedrängt und slowenische Kulturvereine wurden finanziell ausgehungert. Den slowenischen wirtschaftlichen Vereinigungen (Genossenschaften und Sparkassen) wurden deutsche entgegengesetzt und 1927 wurde eine Bodenvermittlungsstelle vom Kärntner Heimatbund gegründet welche gezielt mit der Ansiedelung von Deutschen im slowenischsprachigen Gebiet begann. Die slowenischsprachige Bevölkerung wurde in zwei Gruppen gespalten, in Deutschfreundliche und nationalbewusste Slowen_innen. Um die deutschfreundlichen Slowen_innen schneller zu assimilieren, entwickelten der Rassentheoretiker Martin Wutte und andere die sogenannte „Windischentheorie“. Auf diese Art wurde den deutschfreundlichen Slowen_innen eine “goldene Brücke“ zur Assimilation gebaut, die durch wirtschaftliche Maßnahmen zusätzlich unterstützt wurde. Noch zu erwähnen bleibt, dass viele der Abwehrkämpfer ihre Karriere in der illegalen NSDAP und danach im Nationalsozialismus fortsetzten. Den Höhepunkt erreichten die antislawischen Aggressionen der Kärntner Volksgemeinschaft im Nationalsozialismus, als die slowenische Sprache komplett verboten wurde und 917 Menschen in deutsche Arbeitslager deportiert wurden. Doch auch nach 1945 waren die antislawischen Ressentiments keinesfalls verschwunden. Der Deutschnationalismus ist noch heute hegemoniales Prinzip der Politik in Kärnten/Koroška. Nur mit diesem Hintergrund ist die lächerlich anmutende Ablehnung von zweisprachigen Ortstafeln und die feste Verankerung von heimattreuen Brauchtumsorganisationen zu verstehen. Bei den Gedenkfeierlichkeiten zum 10. Oktober wird eine politische Erinnerungslücke sichtbar. Die öffentliche Erinnerung in Kärnten setzt beim Gedenken an den Abwehrkampf an, macht einen großen Bogen um den Nationalsozialismus und setzt erst wieder bei dem Mythos der von den „Titopartisanen verschleppten Kärntner“ ein. Der Abwehrkampf wirkt als ein Code, mit dem in Wirklichkeit auf dem Nationalsozialismus, oder zumindest seinen Anfängen, positiv Bezug genommen werden kann. Dieser Konnex wird auch öfters bei den Gedenkfeierlichkeiten sichtbar, wenn beispielsweise „Abwehrkämpfer“ mit SS-Sprüchen auf den Fahnen auftauchen.

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